Urbanität in Bearbeitung

Urbanität in Bearbeitung

Ein interdisziplinäres Ausstellungsprojekt
September bis November 2021 - Ausstellungsbeginn wird noch bekannt gegeben

2018 haben Zuschauer des NDR-Satiremagazins „Extra 3“ Ludwigshafen zur hässlichsten Stadt Deutschlands gewählt. Tatsächlich steht die Chemiestadt am Rhein mit ihrer prekären städtebaulichen Situation modellhaft für viele andere mittelgroße deutsche Städte.

In den 1970er Jahren zählte Ludwigshafen zu einer der reichsten Städte Deutschlands. Ihr damaliger Wohlstand bezeugen groß angelegte Baumaßnahmen, wie z. B. der Neubau des Hauptbahnhofs, der als einer der modernsten seiner Zeit galt oder das monumentale Rathauscenter, das bis heute  Wahrzeichen der Stadt ist. Ludwigshafen verschrieb sich, wie u.a. auch Hannover, Kassel oder Köln, der Idee einer autogerechten Stadt. Die futuristisch anmutenden Hochstraßen beherrschen bis heute das Stadtbild. Die weiträumigen Flächen darunter: betonierte Brachen, toter Raum. Galt Ludwigshafen damals als absolut modern und zukunftsweisend, stehen heute die städtebaulichen Auswirkungen zunehmend in der Kritik.

Hochstraßen und Brücken aus Stahlbeton sind, wie vielerorts, marode, das Rathauscenter ein energetischer Sanierungsfall und der Hauptbahnhof, zum Regionalverkehr degradiert, obsolet. Ludwigshafen steht vor großen Herausforderungen: Abriss oder Erhalt? Der akute Handlungsbedarf bietet jedoch auch die Chance, urbanen Raum neu zu denken, zu verhandeln und zu gestalten sowie aktuellen Anforderungen in Hinblick auf Klima, Mobilität und Ökonomie gerecht zu werden. Die Ausstellung „Urbanität in Bearbeitung“ versteht sich als interdisziplinäres Projekt, das, in Kooperation mit raumlaborberlin und der TU Berlin, diese städtebauliche Umbruchsituation aus unterschiedlichen Perspektiven untersucht und die damit verbundenen ästhetischen und sozialen Fragen thematisiert. Als Bestandsaufnahme und Neuorientierung mit Blick auf die Visionen von einst, möchte die Ausstellung zum aktuellen Diskurs über den urbanen Raum beitragen und Politik und Bürger*innen miteinbeziehen.

Die Ausstellung „Urbanität in Bearbeitung“ versteht sich als interdisziplinäres Projekt. Fünf Positionen zeitgenössischer Kunst – Malerei, Fotografie, Video und Installation – untersuchen die Entwicklungen des urbanen Raums in seiner historischen, kulturellen, politischen und sozialen Dimension. So richtet Sandra Köstler in ihren fotografischen Arbeiten zu Ludwigshafen den Fokus auf den Raum unterhalb der Hochstraßen mit all seinen sozialen Implikationen. Katja von Puttkamer interessiert die bauliche und ikonische Qualität der Nachkriegsarchitektur in Ludwigshafen. Mit den Mitteln der Malerei versucht sie ungeliebten Orten Aufmerksamkeit zu verschaffen, bevor sie vielleicht für immer verschwinden. Ähnlich arbeitet Ina Weber, deren raumgreifende Installationen sich mit den brutalistischen Architekturen der 1970er Jahre befassen. Mit seinen aus Verpackungen und Fundstücken konstruierten Installationen verweisen die Materialcollagen Knut Ecksteins u.a. auf die akute Wohnungsnot und die Vermüllung der Städte, welche auch in Ludwigshafen ein großes Problem darstellen. Stephan Backes Videoarbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen der Suburbanisierung, die weltweit dasselbe Gesicht in Form von modernistischen Neubaugebiete zeigt. So auch in dem gerade in Ludwigshafen Süd entstandenen Wohnquartier.

Flankierend dazu bilden die Ergebnisse des im Wintersemester 2019/2020 gestarteten und im Sommersemester 2020 fortgesetzten Architekturseminars „Obsolete Typologies“ der TU Berlin unter der Leitung von Daniel Korwan einen weiteren wichtigen Baustein des Ausstellungsprojekts. Das Seminar befasste sich mit Abriss bzw. Transformation der Hochstraße Nord und des Rathauscenters – eine Debatte, die auch die Bürgerschaft in Ludwigshafen stark bewegt. Im Mittelpunkt der studentischen Entwürfe steht die Frage, wie in Zeiten von Ressourcenknappheit mit vorhandenen Bauten nachhaltig umgegangen werden kann. Im Rahmen einer Exkursion hatten die Studierenden Gelegenheit, vor Ort in Ludwigshafen Feldforschung zu betreiben. Recherche und Annäherungsprozess sind auch Gegenstand eines Videomappings, das unter der Leitung von Diana Lucas-Drogan im Rahmen des Seminars durchgeführt wurde. Die kurzen, unterhaltsamen, künstlerisch assoziativen Videoclips sollen neben Modellen und Plänen in der Ausstellung gezeigt werden.

Raumlaborberlin entwicket im Wintersemester 2020/21 zusammen mit Studierenden der TU Berlin für die Präsentation der künstlerischen Arbeiten sowie der Architekturmodelle, Pläne und Filme ein Raumkonzept für die 500 qm große Ausstellungshalle des Kunstvereins Ludwigshafen.

Das ambitionierte Ausstellungsprojekt versteht sich als eine Bestandsaufnahme städtebaulicher Visionen von einst und einer Neuorientierung. Der akute Handlungsbedarf bietet auch die Chance, urbanen Raum neu zu denken, zu verhandeln und zu gestalten sowie aktuellen Anforderungen in Hinblick auf Klima, Mobilität und Ökonomie gerecht zu werden. Es ist das Ziel der Ausstellung zum aktuellen Diskurs über den urbanen Raum beizutragen und Politik und Bürger*innen miteinzubeziehen.

Bestandteil eines umfangreichen Begleitprogramms mit Führungen, Vorträgen und Diskussionen werden die mittlerweile bereits legendären Stadttouren zu den „most ugliest places“ des Ludwigshafener Künstlers Helmut van der Buchholz, Mitbegründer des Buero für angewandten Realismus in Ludwigshafen, sein.